Eigenverantwortung und Klimaschutz – eine Begriffsklärung

1. Verantwortung zu übernehmen heisst, die Konsequenzen des eigenen Handelns zu tragen.
2. Menschen, die fossile Energie nutzen oder auf andere Art dafür sorgen, dass Treibhausgase emittiert werden, sind dafür verantwortlich, dass die Durchschnittstemperatur auf der Erde ansteigt. (Entscheidend sind Konsum und Produktion, da ohne Konsum keine Produktion stattfindet, Konsument*innen aber nicht genügend stark in Produktionsprozesse Einblick nehmen können, was für eine verantwortliche Entscheidungsfindung notwendig wäre – was zumindest so lange gilt, bis tatsächlich Kostenwahrheit besteht.)

3. Durch die Klimaveränderung wird Kapital vernichtet – insbesondere sinken landwirtschaftliche Erträge – beziehungsweise es entstehen Kosten. (Kosten entstehen, wenn die Verluste monetarisiert werden, oder für die Anpassung an den Klimawandel. Kostenauslöser ist die gesteigerte Häufigkeit von Extremwetterereignissen. Extremwetterereignisse in geringerer Anzahl verursachen zwar auch Schäden. Bei häufigerem Auftreten sind jedoch die Schäden höher und bei zu grosser Häufung können sie zu irreversiblen Schäden führen.)
4. Die Konsequenzen, die Menschen durch den Klimawandel zu tragen haben, hängen nicht mit ihrem eigenen Beitrag zum Klimawandel zusammen. (Aufgrund der 8 Milliarden Menschen ist der eigene Beitrag vernachlässigbar. Korrekt ist, dass das eigene Handeln bezüglich Klimawandel nur zu einem verschwindend kleinen Teil mit den Konsequenzen, die Einzelne zu tragen haben, zusammenhängt.)
5. Eigenverantwortung stärken heisst, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass die Menschen mehr Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen müssen.
6. Im Bereich Gesundheit beispielsweise heisst Eigenverantwortung stärken, dass Menschen, die sich verletzen oder krank werden, einen grösseren Anteil der Gesundheitskosten tragen müssen. Man geht davon aus, dass die Menschen einen Einfluss auf eigene Verletzungen oder auf ihren Gesundheitszustand haben, sie also für Verletzungen und Krankheiten zumindest zum Teil verantwortlich sind und deshalb einen entsprechenden Teil der Kosten übernehmen sollten. (Weiters sollen die Menschen dazu bewegt werden, vorsichtiger zu sein, gesünder zu leben oder anderweitig das von der Allgemeinheit mitfinanzierte Gesundheitswesen möglichst wenig zu beanspruchen.)
7. Eigenverantwortung in diesem Sinne würde bezüglich Klimaschutz bedeuten, dass die Menschen in dem Masse die Kosten des Klimawandels tragen müssen, wie sie zum Klimawandel beitragen. (Ihnen direkt die Konsequenzen aufzuerlegen ist nicht möglich.)
8. In Artikel 9 des Pariser Abkommens zum Klimaschutz vom 12. Dezember 2015 (das Liechtensteinstein am 22. April 2016 unterzeichnet und am 20. September 2017 ratifiziert hat), heisst es, dass die entwickelten Länder die sich entwickelnden Länder finanziell unterstützen sollen.
9. Das ist kein Ausdruck der Solidarität. Die entwickelten Länder haben ihre Entwicklung mit (billiger?) fossiler Energie vollzogen, was die weniger entwickelten Länder eben nicht haben. Letztere spüren die Konsequenzen dieser Entwicklung aber viel stärker, wenn nicht direkt (wie die Inselstaaten, die im Untergang begriffen sind) dann deshalb, weil sie über weniger Mittel verfügen und eine Anpassung an den Klimawandel einen viel grösseren Anteil der Wirtschaftsleistung benötigen würde.
10. Eigenverantwortung, wie der Begriff gewöhnlich im Zusammenhang mit Klimawandel verwendet wird, ist eine Pervertierung der Bedeutung, wie er in anderen Bereichen verwendet wird und aus denen er entlehnt scheint. Er bedeutet: Menschen sollten sich – moralisch? – dazu verpflichtet fühlen, weniger Treibhausgase auszustossen und es deshalb auch weniger tun. Sie sollten nicht dazu gezwungen werden, die Konsequenzen ihres Handelns beziehungsweise die entstandenen Kosten durch ihr Handeln zu tragen.
11. Bezogen auf das obere Beispiel Gesundheitswesen würde es bedeuten, den Menschen zu sagen, sie sollten doch weniger zum Arzt gehen und mehr auf ihre Gesundheit achten, aber an den Rahmenbedingungen nichts zu ändern.
12. «Eigenverantwortung» im Bereich Klimaschutz ist eine Mogelpackung: Sie lenkt von der eigenen Verantwortung ab, wenn die Konsequenzen nicht tatsächlich zu tragen sind.

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