Autorität statt Argument – der Imperialismus der «Avengers»

«Unterschreiben wir, geben wir das Recht auf freie Entscheidung auf. Was, wenn die uns irgendwo hinschicken, wo wir nicht wollen? Oder wir wollen irgendwo hin und die lassen uns nicht? Wir würden zwar nicht perfekt sein, aber auf uns können wir uns wenigstens verlassen», sagt «Captain America», mit bürgerlichem Namen Steve Rogers, in der deutschen Synchronfassung von «The First Avenger: Civil War». Debattiert wird bei den «Avengers» – einer Gruppe Superhelden, die schon mehrmals die Welt gerettet hat –, ob sie ein Abkommen der Vereinten Nationen unterzeichnen sollen. Über den Inhalt des Abkommens ist nur bekannt, dass die «Avengers» zukünftig unter Aufsicht eines UN-Gremiums operieren sollen. Aus dem Zusammenhang wird klar, dass die Antwort auf die zweite Frage von Captain America lauten würde, dass sich die «Avengers», wenn sie ohne Genehmigung des UN-Gremiums bei einer Operation Gesetze verletzten, dafür (strafrechtlich) zur Verantwortung gezogen würden. Die erste Frage bleibt unbeantwortet, auch wenn das vorliegende Abkommen sehr umfangreich zu sein scheint und entsprechend die Frage kaum offen bleiben dürfte.

Solche Fragen zu klären ist aber kaum im Interesse eines Actionfilms. Es reicht, aufzuwerfen, wie «frei» die «Avengers» sein sollen – ob sie über dem Gesetz stehen und «Selbstjustiz» üben können sollten, oder ob sie einem Gremium unterstellt werden sollen, das seine eigenen Interessen verfolgt. Es stehen also die Interessen der «Avengers» gegen die Interessen der Vereinten Nationen. (Kollektive Kontrolle über die grosse Macht einzelner Personen wird schon in früheren Filmen des Marvel-Universums – zu denen die «Avengers» zählen – thematisiert. Am auffälligsten dürfte die Frage sein, ob «Iron Man», mit bürgerlichem Namen Tony Stark, die von ihm entwickelte Technologie den Vereinigten Staaten zur Verfügung stellen muss.)

Die Moral der «Avengers» – im Sinne von gut ist, was gute Menschen tun – scheint ausser Frage zu stehen. Die Kollateralschäden bei früheren Aktionen stehen in keinem Verhältnis zu den abgewendeten Gefahren – Weltuntergang! – und der Vorwurf, nicht alle gerettet zu haben, ist geradezu lächerlich. Problematisch dabei ist, dass die erzählten Geschichten, die zu dieser Einschätzung führen müssen, die Perspektive der «Avengers» wiedergeben. Die «gegnerische» Perspektive bleibt bei der grundsätzlichen Frage der Selbstjustiz. Es werden einzig die Opfer beklagt. Inhaltlich bleibt diese Perspektive aufgrund dieser Einseitigkeit eigentlich leer. Denn ob die «Avengers» bislang verhältnismässig agiert haben, bleibt offen. Inhalte spielten also keine Rolle – weder Inhalte in einem Abkommen, noch Inhalte verschiedener Perspektiven. Das zumindest ist die Perspektive von Captain America, dem «First Avenger», der diesem Film den Titel und damit die Perspektive gibt. Zwar gibt es auch «Avengers», die eine andere Auffassung vertreten und sich gegen Captain America stellen. Dem grundsätzlich dialektischen Verhältnis von Freiheit – die Freiheit des Einzelnen muss dort aufhören, wo die Freiheit des Anderen beginnt – wird jedoch keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt. Entsprechend bescheiden ist die Argumentation einer anderen Perspektive innerhalb der «Avengers».

Es bleiben also die moralische Überlegenheit der «Avengers» und die Einschränkung von Freiheit durch ein Abkommen grundsätzlich unwidersprochen. Denn die Interessen einer Gruppe von Menschen mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten werden den Interessen der Vereinten Nationen gleichgestellt. Implizit werden die Vereinten Nationen nicht als das wahrgenommen, was die Vereinten Nationen für sich in Anspruch nehmen – während die Selbstwahrnehmung der «Avengers» wie erwähnt kaum bezweifelt wird.

Der Interventionismus – letztlich Imperialismus – der mächtigen Staaten entspricht genau diesem Denken: Die eigene moralische Überlegenheit ist ein Axiom. Eine inhaltliche Auseinandersetzung ist mithin unnötig, da die gegnerische Perspektive automatisch die böse ist. Jegliche Kontrolle von Aussen – auch wenn es nur darum gehen würde, die Mächtigen dazu zu zwingen, für ihre Position zu argumentieren – wird als Einschränkung der Freiheit wahrgenommen, die immer nur ihnen selbst zusteht. Mit dem Ausschluss des Arguments wird dieses Denken aber autoritär. Dieses autoritäre Denken ist eigentlich naiv – so naiv wie die Fragen von Captain America, die nur als rhetorische Fragen Sinn ergeben. Die Aufgabe der freien Entscheidung ist eine Behauptung, die kaum haltbar ist. Ein Versprechen, sich an Regeln zu halten, die den eigenen moralischen Standpunkten entsprechen, ist keine Aufgabe von Freiheit. Sich dieses Versprechens zu enthalten bedeutet nur, sich keinen moralischen Regeln unterwerfen zu wollen – oder, was in der Realität eher der Fall sein dürfte, sich keiner Diskussion stellen zu wollen, in der konkrete mögliche Eingriffe auf deren moralische Implikationen überprüft werden.

Das entspricht grundsätzlich einem monotheistischen Denken, bei dem die Autorität – und mithin die moralische Autorität – des Schöpfers ebenfalls kein Infragestellen, also keine Argumentation duldet. Es sind nicht Prinzipien, denen sich die Menschen unterwerfen sollen, sondern Autoritäten, die gewöhnlich ihre Autorität durch ihre Fähigkeiten, ihren Willen durchzusetzen, erlangen. Die Freiheit, für die sich Captain America einsetzt, ist eben als Prinzip unbrauchbar, da es sich nicht eigentlich um Freiheit handelt, sondern nur um seine Freiheit.

Das Denken in Prinzipien, in Ideologien scheint in der Gegenwart überhaupt im Rückzug zu sein. An Bedeutung gewinnen Meinungen und Glaube – was letztlich bedeutet, dass der Wille entscheidend ist. Denn die Menschen glauben, was sie glauben wollen. Entscheidend soll es nach Meinung von Captain America auch sein, was die «Avengers» wollen – nicht was ihren Prinzipien entspricht, was gut oder was angesichts einer Bedrohung notwendig ist. Die eigene Güte zu hinterfragen, sich zu bessern, wird damit unmöglich. Selbst wenn die Autorität jemand anders ausübt, ist das prinzipiell unmöglich, da die Autorität ihre Vorgaben nicht allgemein verständlich formulieren muss oder sie gar ändern kann. Das zeigt sich in der Bedeutungsverschiebung von Loyalität, die sich im allgemeinen Sprachgebrauch nicht mehr auf (moralische) Prinzipien sondern auf Personen zu beziehen scheint, was eigentlich durch den Begriff Treue gefasst wird. In diesem Sinne will sich Captain America auch auf die Personen verlassen, mit denen er zusammengearbeitet hat und nicht darauf, dass Prinzipien das Handeln leiten.

Zwar ist das Denken in Prinzipien nicht frei von Axiomen und nicht frei vom Willen. Doch soweit dies möglich ist, ist es erlaubt, diese Axiome durch Plausibilitätsüberlegungen infrage zu stellen, was ein monotheistisches Denken eher ausschliesst. Prinzipien beziehungsweise die Missachtung von Prinzipien wie das Messen mit unterschiedlichen Massstäben können aufzeigen, wie dogmatisch ein Denken ist. Beispielsweise ist es durchaus schwierig nachzuvollziehen, wie aus einfachen Organismen komplexe Lebewesen werden. Doch die «Lücken» bei den Fossilienfunden, die Fragen zur Evolutionstheorie aufwerfen, dürften kaum grösser sein als die «Lücken» in der Bibel. Schliesslich stellt sich beispielsweise die Frage, wie Kain zu seiner Frau gekommen ist – ob Gott sie geschaffen hat und wenn ja, ob sie ebenfalls gegen Gottes Gebot verstossen hat oder ob Gott sie gar nicht erst in den Garten Eden gelassen hat, oder ob Kain seine Schwester geschwängert hat.

Die «Avengers», die sich selbst als die Weltretter – schon nahe an der Schöpfung, da ohne sie die Welt nicht mehr existieren würde – produzieren, reden der Autorität statt Argumenten das Wort. Es könnte auch eine andere Geschichte erzählt werden – eine Geschichte näher an der Realität, die allzuoft zeigt, dass Macht korrumpiert. Vielmehr wird ein Märchen erzählt, das die Menschen zu gern glauben, da sie ihre monotheistische Identität nicht hinterfragen und am Mythos der Güte der eigenen Macht festhalten wollen. Doch damit, dies zu thematisieren, ist es fast unumgänglich, die Problematik der Prinzipienlosigkeit zu offenbaren. Gott bestrafte Adam und Eva für das Übertreten seines Verbots, was sie taten, bevor sie in der Lage waren ihr Handeln moralisch zu beurteilen, da sie erst mit dem Genuss der Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse dazu in die Lage versetzt wurden, Gut und Böse zu erkennen. Gott legt in der Bibel seine Motivation ebenso offen wie Captain America – es geht Gott nicht darum, dass Menschen seinen Geboten oder Verboten folgen, weil sie deren moralische Bedeutung erkennen und Captain America geht es nicht darum, was moralisch gut ist, sondern darum, was er und seinesgleichen wollen.

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